Predavanje docenta dr. Mile Lasića skupini uglednih njemačkih socijaldemokrata, u Mostaru 12. svibnja 2011. godine

Dozent dr. sc. Mile Lasić,  Mostar anno Domini 2011:
Die geteilte Stadt und die geteilten Gefühle




In einer Reportage, die vor fünf Jahren in Hamburg (Die Zeit) veröffentlicht wurde, steht: Erst hat der Krieg Mostar in zwei Hälften geteilt. Seitdem gibt es in diesem von Sonne und Politik aufgeheizten Tal alles zweifach. Zwei Mobilfunknetze, zwei Busbahnhöfe, zwei Schulsysteme, zwei Krankenhäuser, zwei Müllabfuhren, zwei Fußballclubs und zwei Fernsehstationen und es gibt auch zwei Universitäten in Mostar. Eigentlich hat der letzte Jugoslawienkrieg  die Universität von Mostar gespalten, seitdem gibt es eine für Bosniaken und eine für Kroaten. Obwohl die Stadt formal längst vereint ist, sind es die zwei Universitäten und die Studenten aber noch lange nicht (Siehe, www.zeit.de/campus/2006/01/leben-reportage-mostar).
Die eine Universität, die im Osten der Stadt, hat ungefähr 7.000 Studenten, versteht sich als einzige „bosnische Universität“ in der Herzegowina und nennt sich »Džemal Bijedić«, und die andere, im Westen der Stadt, wo ich arbeite, hat 16.000 Studenten und versteht sich als einzige kroatische Universität in Bosnien-Herzegowina, gebe ich zur Zeit-Reportage zu. Die eine wurde 1977 gegründet, die andere 1993. Doch welche von beiden die ältere und damit echte Universität von Mostar ist, darum gibt es Streit. Natürlich dürfe jeder studieren, wo er wolle, doch die Realität sieht anders aus, bemerkte „Die Zeit“ vor fünf Jahren. Es gibt kaum Austausch, obwohl es an Professoren mangelt; an »Džemal Bijedić“ lehren die Gastprofessoren, die überwiegend aus Bosnien, aus Sarajevo oder Tuzla kommen, die der kroatischen Universität reisen dagegen oft aus Kroatien, aus Zadar und Zagreb an. Trotz aller politischen Teilungen und Konflikte zwischen Bosniaken und Kroaten in Mostar und im Lande, kommen in der letzten Zeit die Professoren aus Sarajevo auch an die kroatische Universität, woran ich ein bisschen die Schuld trage und worauf ich auch ein bisschen stolz bin, gebe ich fünf Jahre danach zu …

 

I

»Man soll sich nicht mischen«, sagt man heute noch viel zu oft und meint damit vor allem die Ausbildung der Kinder und das Heiraten. Das Apsurde daran ist, dass es vor dem Krieg in Mostar so viele gemischte Ehen wie sonst nirgendwo auf dem Balkan gab. Die Statistiken sagen: Vor dem Krieg war jede fünfte Ehe eine sogenannte Mischehe;  im Krieg und unmittelbar danach gab es gar keine. Auch heute werden nur 1,7% der Ehen zwischen Partnern der verschiedenen Nationalität geschlossen. Die neuen Grenzen gelten, also auch  für die Jugendlichen, diejenigen, die sie eigentlich überwinden sollen.
Vor dem Krieg lebten Christen und Muslime, Kroaten und Bosniaken in Mostar friedlich zusammen. Und so kämpften sie, als 1992 Bosnien-Herzegowina seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte, zunächst gemeinsam gegen die daraufhin einmarschierende jugoslawische Armee und dann gegeneinander, schrieb schon die Zeit. Wer verantwortlich für den Krieg, besonders für den Krieg zwischen Bosniaken und Kroaten ist, auch darüber gibt es Streit. Jedenfalls hält diese Aufteilung auch nach dem Friedensschluss von Dayton im November 1995 immer noch an, und nur ganz langsam lösen sich die Grenzen auf. Auch welche Sprache einer sprach, spielte früher keine große Rolle; heute achtet hier fast jeder darauf, ob einer im Café oder im Restaurant »Kava« oder »Kafa« bestellt, obwohl Kroatisch und Bosnisch, übrigens Serbisch auch, so ähnlich sind, dass die Sprachwissenschaftler streiten, ob man überhaupt von zwei oder drei Sprachen reden darf.
Überall im Lande wachsen jetzt katholische und ortodoxe Kirchen und islamische Moscheen in die Höhe, nur die Fabriken verschwinden. Die Angst des Krieges wurde ersetzt durch das Misstrauen des Friedens. An der Oberfläche scheint alles wieder in Ordnung, doch darunter spürt man die Spannung und manchmal bricht sie auch heute noch durch.


II

Die Stadt ist, also, wie ein siamesisches Zwillingspaar, das sich ein Herz teilt, aber getrennte Arme, Beine und Köpfe hat. Die Köpfe, das sind die beiden Unis, doch das Herz ist nur in Form des Jugendzentrums Abrašević übrig geblieben, wo sich Jugendliche ohne nationales Vorzeichen immer öfter treffen, bemerkte man auch in der erwähnten und danach auf Jugend-Foren bei uns und in Deutschland viel diskutierten und gelungenen Zeit-Reportage. Eine junge Reporterin aus Deutschland, die mit mir auch ein Interview gemacht hat, hat noch einige Orte entdeckt, z.B.  UWC – United World College Mostar (Siehe, Sophie Rebmann, Das Land des Schweigens, Noir Magazin, No. 19). Dort und nur in noch ein paar Kneipen in der Stadt treffen sich die Studenten beider Universitäten und Jugendliche aus beiden Teilen der Stadt, und es ist egal, ob sie Serben, Kroaten oder Bosniaken sind. By the way, so etwas wird hier in diesem Restaurant und in diesem Garten alltäglich geschehen. (Deshalb habe ich Herrn Lorenz Markus, dem Chef der SPD-Reisende Service in Berlin, gerade dieses Restaurant  herzlich empfohlen).
Pragmatisch ist, eigentlich, das heutige Verhalten der Leute in Mostar, sagte Dorothee Baumann, eine deutsche Lektorin in Mostar, im Gespräch mit Sophie Rebmann für  das Noir Magazin. Wenn in einer Stadt alles doppelt vorhanden ist, dann geht man für eine Dienstleistung nicht ans andere Ufer der Neretva oder ans andere Ende der Stadt. Das hat sich so eingespielt, aber nicht weil man Angst haben müsste, sagen die Leute von beiden Seiten der Neretva. Etwas ändern würde sich nur, wenn die Stadtentwicklung anders geplant würde. Daran besteht jedoch kein Interesse, weil es  viele Menschen gibt, die ganz gut an der bestehenden Teilung verdienen. Auch Berichte von Überfällen auf Menschen anderer Ethnien müsse man kritisch sehen, meint Frau Baumann. Solche Vorfälle gibt es, aber von ihnen wird viel mehr erzählt, als sie wirklich passieren, obwohl sie leider immer noch vorkommen. Ich gebe zu, ich habe mich vor paar Wochen sehr geschämt, weil ein Junge aus der Nähe von Mostar von Jugendlichen aus dem westlichem Teil der Stadt überfallen und schikaniert worden ist und zwar weil er das „Vater Unser“ nicht aussprechen konnte oder wollte …
Weil Schulen, Universitäten und Wohnviertel zwar nicht offiziell geteilt, aber doch durch eine unsichtbare Linie der Erinnerung getrennt sind, gibt es in Mostar nicht viele Gelegenheiten, sich zu treffen. Die Alten hätten die Gräuel des Kriegs hautnah miterlebt und könnten nicht vergessen, die heutigen Schüler würden von Anfang an getrennt voneinander aufwachsen, erklären die Soziologen. »Sie haben aus der Zeit vor dem Krieg keine Freunde von der anderen Seite und keine Möglichkeit, welche kennen zu lernen«, erklären diese Grausamkeit die Soziologen weiter. Die heutigen Studenten stünden genau dazwischen; sie seien die Einzigen, die die Gräben noch überbrücken könnten. Aber, viele Jugendliche möchten nicht mehr über Politik reden. »Die Nationalisten haben den Krieg gebracht, wie können sie jetzt den Frieden bringen?«, sagen die. Oder: »Ich engagiere mich nur für mein Leben. Es gibt schließlich ohnehin niemanden, den man wählen kann, zu den Wahlen treten doch nur Nationalisten an.«
Es ist so und noch schlimmer ist, dass die Sozialdemokraten bei uns keine Demokraten sind, sondern  reine „Machiavellisten“, völlig egal ob wir über die führenden sozialdemokratischen Parteien in der Föderation oder in der Republika Srpska reden (also, die SDP und ihr Führer Zlatko Lagumdžija oder SNSD und ihr Führer Milorad Dodik). Beide müssten, eigentlich, erst ihr „Bad Godesberger Kongress“ vorbereiten um die inner-parteiischen und gesellschaftlichen Reformen anleiten zu können. Natürlich, es gibt, auch, eine Minderheit von der echten Sozialdemokraten in beiden Parteien, aber die schweigen. Das Land braucht also eine politische Alternative aber es gibt keine. Alle sind schuld daran, einschließlich die sogenannte Internationale Gemeinschaft und The High Representative, persönlich …

 

»Wie soll man, also, hier leben? Jobs gibt es nur beim Staat oder in den vielen Restaurants, wo ein Kellner umgerechnet acht bis zehn Euro für sechs Stunden Arbeit verdient. Viele von ihnen haben einen Hochschulabschluss. »Wir sind die Verlierer«, sagen die, „es ist das beherrschende Gefühl einer Generation: doppelt betrogen zu sein, um die Kindheit und die Zukunft.“ Bosnien-Herzegowina ist ärmer als Albanien, die Hoffnungslosigkeit laut einem UN-Bericht größer als in allen anderen Staaten des Balkans. Also, viele hier haben den Glauben verloren, etwas ändern zu können, meinen die jungen Leute aus beiden Teilen der Stadt.  Nur der Wirtschaftsaufschwung und der Annäherungsprozess an die Europäische Union und die NATO können die Spannungen zwischen Kroaten, Bosniaken und Serben langfristig beseitigen. „Wenn es Wirtschaftsbeziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen geben würde, dann hätte niemand ein Interesse an einer Fortsetzung des Konflikts“, kann man unter Jugendlichen hören. Doch anscheinend gibt es noch zu viele, die von dem schwelenden Konflikt und den verdoppelten Institutionen profitieren.

III

Die Alte Brücke aus der Zeit der osmanischen Herrschaft ist von ungeheurerer Symbolkraft schrieb für das deutschsprachige Netzwek n-ost unter anderem Franziska Heidenreich in ihrer Reportage „Mostar – die geteilte Stadt an der Neretva“ (Siehe, www.n-ost.de).
Stari Most, wie es in unsere(n) Sprache(n) heisst, galt seit jeher als Brücke zwischen Okzident und Orient und als Wahrzeichen Mostars und des ganzes Landes. Während des Krieges wurden zunächst elf von zwölf Brücken in Mostar durch die serbisch-jugoslawische Armee vernichtet und die Alte Brücke wurde beschädigt. Danach wurde aber, gerade diese übriggebliebene Brücke durch Kroaten zerstört und erst 2004 rekonstruiert.
Es war ein willentlicher Akt der Zerstörung, der eine tiefe Wunde zurückließ –  schrieb Franziska Heidenreich weiter – eine Wunde im Stadtbild und in den Herzen von Mostars Bewohnern. Mit Geldern der Weltbank wurde die Brücke nicht ohne Widerstand von beiden Seiten rekonstruiert. Die Einweihung der neuen Alten Brücke vor einigen Jahren wurde als Versöhnung zwischen muslimischen Bosniaken und katholischen Kroaten gefeiert. Doch, auf der muslimischen Seite, in der Nähe der Alten Brücke steht noch immer eine Mahnung: Don’t forget 1993!
Wie schon gesagt, heute werden die Besucher kaum noch merken, dass Mostar eine geteilte Stadt ist. In Wirklichkeit aber, wohnen und arbeiten im Westen der Stadt nun uberwiegend Kroaten, im Osten Bosniaken. Serben gibt es kaum, obwohl vor dem Krieg fast 20.000 von ihnen hier lebten. Zwar sind einige Tausend Serben nach Mostar und in Herzegowinas Tal zurückgekehrt, stellen aber keine politische und kulturelle Macht wie früher dar. In der bosniako-kroatischen Entität mit Namen Föderation sind, also, die Serben nur eine kleine Minderheit. Natürlich, sind es auf gleiche Art und Weise in der Entität mit Namen Republika Srpska die Bosniaken und Kroaten …
Die Alte Brücke verbindet, eigentlich nur den muslimischen Teil im Osten mit einem muslimischen Streifen im Westen. Es ist eine rein muslimische Brücke – so sehen das vor allem die Bosniaken. Unweit der Brücke, hinter dem Bulevar, beginnt der kroatische Stadtteil. Er ist größer und wirkt moderner mit seinen Hochhäusern und vielen Einkaufsläden. Der Osten der Stadt ist ärmer, hat jedoch dafür die Altstadt auf seiner Seite. Es gibt keine Grenzen, man kann sich frei durch die Stadt bewegen. Doch, schon am Bulevar wachsen die Bäume und Müllberge an den noch immer zerstörten Häusern und Ruinen. Hier war die Frontlinie; und noch heute trennt sie die Stadt…

IV

Hier und heute in Mostar stehen auf der einen Seite die Moscheen, auf der anderen die katholischen Kirchen, ab und zu kann man auch die zerstörten serbisch-ortodoxen Kirchen sehen. Wie eine unsichtbare Wand durchläuft die Teilung durch Mostar und geht weiter; durchzieht den Altag und die Gedanken der Menchen im Lande…     
Die Alte Brücke und die anderen Brücken verbinden, also,  Ost und West Mostars wie vor dem Krieg, doch das Zusammenleben ist noch weit entfernt von der Vorkriegssituation, als Serben, Kroaten und Muslime sich die Stadt zu je einem Drittel teilten, besser gesagt als sie in Frieden zusammenlebten. Wie gesagt, Mostar galt als das Beispiel einer multiethnischen Stadt, mit der höchsten Anzahl an Mischehen in ganz Jugoslawien. Doch das Wiederaufbauen von gegenseitigem Vertrauen ist nicht so einfach … Selbst in den Schulen wird die Vergangenheit so erzählt, dass sie weniger schmerzhaft wirkt. Dort lernen die Kinder meist nur mit Kindern ihrer eigenen Ethnie. Selbst die eigene Geschichte lernen sie, gefärbt und geschönt nach Belieben der politischen Elite ihrer Ethnie, so dass sie ihre Nation am besten dastehen lässt, schrieb nach dem Aufenthalt in Mostar und in Banjaluka Sophie Rebmann. Aus demselben Grund seien auch die Universitäten noch immer getrennt und dies wird noch lange Zeit so bleiben, habe ich im Gespräch mit Sophie bestätigt. Die Politiker jeder Nationalität wollen Intellektuelle für sich ausbilden, so dass sie ihre Sichtweise vertreten.
In Folge dessen, empfinde ich mich in Mostar (als einer der wenigen europäischen Sozialdemokraten und als überzeugter Europärer) mehr als ein Virus, eine kritische Ausnahme, der erfolglos versucht, die deutsche und europäische politische Kultur zu vermitelln. Selbstverständlich, nach 18 Jahren in Deutschland kann ich nichts anderes tun, als den Versuch zu starten, alles was ich im Ausland (kennen)gelernt habe, besonders die deutsche Erinnerungskultur, an meine Studenten und meine Landsleute weiterzugeben.
Ich mache es also, weil ich überzeugt bin, dass die deutsche Geschichte sehr wichtig für Bosnien und Hezegowina sei. Meiner vollen Ueberzeugung nach, gibt es für uns keine wichtigere Nation, keine wichtigere Kultur als die deutsche. Übrigens, kein anderes Land hat es geschafft, so schnell  so viel besser zu werden und sich friedlich zu vereinen.


V

Die Wunden heilen, aber die Narben bleiben. Und viele Politiker sorgen weiter dafür, dass diese Wunden nicht verheilen: Sie provozieren, simplifizieren und polarisieren, machen sich nationalistische Parolen zu eigen um weiterhin an der Macht zu bleiben; weil sie wissen, dass viele genau das hören wollen. So habe ich es, auch, in den zahlreichen Interviews und Gesprächen, mit vielen einheimischen und ausländischen jungen Leuten erklärt. Die Wunden werden so jeden Tag neu aufgerissen, sie können nicht verheilen in einem Land, in dem die Frage nach Religion und Zugehörigkeit zu einer der drei Volksgruppen den Alltag dominiert. In einem Land, in dem die Kinder getrennte Schulen besuchen. In einem Land, in dem die Unterschiede gepflegt werden, in einem Land, wo es keine gemeinsame Erinnerung und keine Errinerungskultur gibt. In einem Land, wo sogar die Geschichtsschreibung nicht einheitlich ist: Der Krieg und die Zeit danach tauchen in den Geschichtsbüchern der beiden Entitäten einfach nicht auf.
Gibt es – frage ich mich am Ende dieses Vortrages –  überhaupt Hoffnung für diese Stadt? Vielleicht, gibt es sie, für Mostar und das ganze Land. Die einzige Überlebenschance für meine Stadt und mein Land ist der Beitritt zur NATO und EU. Diese Ziele kann man nur durch die ständige Präsenz und die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina erreichen. Nur sie können die Politiker durch Druck zu den notwendigen Reformen zwingen. Wenn der Druck wegfallen sollte, ist nicht auszuschließen, dass die politischen Eliten das Land  in drei Teile teilen. Dann kommt es zu einer Katastrophe wie der vor 20 Jahren. In einem solchen Fall könnte man in der Bundesrepublik Deutschland wieder eine riesige Flüchtlingswelle aus Bosnien und Herzegowina erwarten.
„Don’t forget 1993“ ist für uns mehr als eine Mahnung. In den Köpfen und in den Herzen der verängstigten Leute lebt, nämlich, die Aufteilung der Stadt weiter. Aber, es ist auch die Warnung  für die Europäer – diese Stadt und das ganze Land sind  noch immer ein Pulverfass …

 

Mostar, 12. Mai 2011   

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